Weiterentwicklung des Tàijíquán

Als ich anfing Tàijí zu erlernen, habe ich immer wieder Leute kennen gelernt, die die Form veränderten. Sie schnupperten hier und schnupperten da. Von einem Lehrer übernahmen sie diese Bewegung der Form, von einem anderen jene oder sie ließen einen Teil der Form einfach weg. Dabei orientierten sie sich an dem bei uns gefragten gesundheitlichen Aspekt oder an ihren eigenen körperlichen Grenzen. So sollte z. B. ein belasteter Fuß nicht mitgedreht werden um das Knie zu schonen oder es wurde eine etwas anspruchsvollere Bewegung der Form eigenmächtig vereinfacht. Auf diese Weise haben viele ihre eigene Form zusammengestellt und damit die Form verändert – jedoch nicht verbessert.

Von meinem Lehrer Wee Kee-Jin hörte ich, dass die Form verändert werden darf, wenn dies der Weiterentwicklung des Tàijí dient und die Veränderungen sich an den klassischen Schriften orientieren. Ein Lehrer solle sich freuen, wenn der Schüler sein Level übertreffe, sonst könne sich das Tàijí nicht weiter entwickeln, sagte er mir. Der Schüler solle aber zuvor das System des Lehrers vollkommen verstanden haben und in der Lage sein alles zu „demonstrieren“ was ihn gelehrt wurde und ein eigenes Verständnis der Prinzipien entwickeln – bevor er etwas verändert.

So hat Meister Huang Sheng-Shyan, der Lehrer von Wee Kee-Jin – um das Tàijí weiter zu entwickeln – sein Wissen in die Cheng Man-ch’ing-Form gebracht und seine eigene Form, die Huang-Form mit vielen Details entwickelt. Er hat ein didaktisch aufgebautes Übungssystem geschaffen, zu dem auch ein Set von Partnerübungen (Tuishou) und die 5 Lockerungsübungen gehören. Dabei geht es immer darum, die Tàijí-Prinzipien in die Bewegung zu bringen. Zuerst versucht man das in den 5 Übungen, dann in der Form, danach in den festgelegten Partnerübungen und schließlich auch noch im freien Tuishou.

Weiterentwicklung auf der Basis der Klassischen Schriften

Wenn ich mir heute einen Tàijí-Wettkampf mit Form und Pushing-Hands ansehe habe ich den Eindruck, beides hätte nichts miteinander zu tun. In der Form wirken alle Teilnehmer entspannt, aufrecht, zentriert – im Pushing-Hands dagegen sind sie nach vorne gelehnt, fest, angespannt.

Die auffälligste Veränderung von Meister Huang ist, dass man im Bogenschritt in der Mitte zwischen beiden Beinen „sitzt“. Das hat im Tuishou den Vorteil, dass man nach vorne stabil ist und eine einwirkende Kraft schneller über den hinteren Fuß in den Boden aufnehmen kann. Bei einer geraden Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung im Bogenschritt bleiben wir auf der Mittellinie und verlagern nicht leicht diagonal nach hinten in den Fuß. Anfangs kommt man auf diese Art noch nicht weit zurück, mit zunehmender Übung geht es immer besser, man wird sehr stabil im hinteren Bein und hat die elastische Kraft zur Verfügung.

Weitere Details sind das Sinken, das Aufladen, das Aussenden der Kraft und die dafür notwendige Verbindung von Basis, Rumpf und Armen. Jede Bewegung nach vorne ist auch ein Sinken in die Mitte. Dabei bewegt sich das hintere Knie in Richtung der Zehen leicht nach unten, während sich das vordere in Richtung des vorderen Fußes nach vorne bewegt. Dabei laden wir im hinteren Bein auf als würden wir einen Bogen spannen und entladen die Kraft durch ein „öffnen“ der hinteren Hüfte. Beim Entladen bewegen wir uns nicht weiter vor, die vordere Hüfte muss „geschlossen“ bleiben. Wenn das Entladen aus dem hinteren Bein zu Ende ist, kann die vordere Hüfte durch Sinken in den vorderen Fuß weiter entladen.

Mit dem Aufladen und dem Entladen sinken wir auch mental, das heißt wir senden eine Welle der Aufmerksamkeit vom Scheitel durch den Rumpf, durch beide Beine und durch beide Füße in den Boden. Die Muskulatur im Rumpf löst sich, lässt die Schultern sinken und verbindet damit Rumpf und Arme. Anfangs stellt man sich diese Bewegung (das Schmelzen) der Muskulatur im Rumpf vor und nach einiger Zeit regelmäßigen Übens geschieht es. Das (mentale) Sinken wird körperlich von den Füssen her eingeleitet, das heißt, die Füße entspannen, die Fußgelenke, die Unterschenkel, die Oberschenkel, der untere Rücken ... Es erfordert etwas Übung bis die Basis (die Füße, Fußgelenke, Knie, Hüften) den Rumpf zieht und bis der Rumpf die Arme zieht. Dann ist der ganze Körper verbunden und die entspannte, elastische Kraft steht zur Verfügung.

Wee Kee-Jin vergleicht die Verbindung von Basis, Rumpf und Armen gerne mit einem Stecker, den man in die Steckdose steckt um den Strom nutzen zu können. Ist die Verbindung an irgendeiner Stelle unterbrochen, so steht die elastische Kraft aus dem Boden nicht zur Verfügung. Wenn diese Kraft zur Verfügung steht und von Basis zu Basis empfangen, neutralisiert und ausgesendet wird – erst dann wird das Pushing-Hands wirklich interessant. Die entspannten Hände und Arme können dann die Verbindung fühlen und können „hören“ wann der Partner eine „falsche Antwort“ gibt und zum Aussenden der Kraft in seine Basis einlädt. Wee Kee-Jin sagt: „Wenn man beide Füße des Partners entwurzeln kann, fängt das Pushing-Hands erst an“.

Das allerdings erfordert Üben. „Um ein durchschnittlicher Tàijí-Spieler zu werden genügen zwei Stunden Übung täglich, für die Gesundheit auch eine halbe, um aber wirklich gut zu werden sind mindestens fünf Stunden täglich erforderlich“, sagt Wee Kee-Jin. Er hat ein Buch herausgebracht: „Tàijíquán Wúwéi – a Natural Process“, das auch sieben klassische Schriften mit seiner Interpretation enthält. Das Buch können sie hier im Shop bestellen

Hella Ebel